Die berühmten grünen Skripte

Heinz Bonfadelli

Abstract


Meine ersten Kontakte zu Professor Ulrich Saxer, den ich und alle anderen am alten Journalistischen Seminar an der Beckenhofstrasse immer per Sie angesprochen haben, reichen zurück in die frühen 1970er Jahre. Ich war damals in der Endphase meines Studiums in Sozialpsychologie und brauchte noch ein Nebenfach. Dieses vermittelte mir eine Studienkollegin, die mich ermunterte, es doch einmal mit Journalistik zu versuchen, anfänglich in einer Vorlesung des 1975 tragisch früh verstorbenen Christian Padrutt, der uns mit Zeitungen wie „Le Monde” aus anderen Ländern vertraut gemacht hat. Dann gab der neue Dozent Ulrich Saxer sein Debut zum Strukturfunktionalismus auf Basis von Talcott Parsons. Dieser systemtheoretischen, eher abstrakten Denkweise auf Makroebene blieb er zeitlebens treu. Ich selber war begeistert – auch wenn meine Mitstudenten nach dreissig von Saxer abgelesenen, rhetorisch komplex formulierten Manuskriptseiten den Vorlesesaal erschöpft, aber im Besitz seiner berühmten grünen Skripte verliessen.

Jahre später wurde Ueli zunehmend freier und flocht bei seinen immer in eloquenter Sprache formulierten Vorlesungen und Keynote-Vorträgen auch Bonmots ein, die immer wieder zum Lachen Anlass gaben.

Stark in Erinnerung geblieben ist mir in diesem Zusammenhang dann der Sommer 1975. Ich bewarb mich bei Ulrich Saxer um eine Assistenzstelle, nicht zuletzt weil mich das Thema „Analyse der Kunstberichterstattung in Zürcher Zeitungen” reizte. Damit begann meine forscherische Zusammenarbeit mit ihm als Doktorvater und auch als Begleiter bei tiefsinnigen Gesprächen, etwa über Kunstkritik mit dem damaligen Feuilleton-Chef der Neuen Zürcher Zeitung.

Die Kooperation vertiefte sich mit dem für die seinerzeitigen Verhältnisse grossen Projekt der sogenannten Zürcher-Studie, basierend auf der Befragung von 2750 Schülern, die als empirische Grundlage für die Entwicklung einer Medienpädagogik im Kanton Zürich gedacht war. Da lernte ich auch Christian Doelker, Leiter der ehemaligen AV-Zentralstelle des Pestalozzianums, kennen, und nicht zuletzt die schon verstorbene Medienforscherin Hertha Sturm.

Ulrich Saxer scharte eine interdisziplinäre Truppe junger Assistenten um sich, aus Gebieten wie der Sozialpsychologie (Heinz Bonfadelli, Walter Hättenschwiler), der Soziologie (Werner A. Meier und Michael Schanne), der Linguistik (Heinz Gantenbein), der Ökonomie (Martin Gollmer) oder der Ethnologie (René Grossenbacher), um nur einige zu nennen. Er entwickelte kreativ seine systemtheoretisch fundierten Forschungslinien, und wir Assistierende setzten diese in soliden empirischen Forschungsprojekten um.

Damit wandelte sich an der Universität Zürich die bis anhin im deutschen Sprachraum eher juristisch bzw. historisch orientierte Publizistikwissenschaft zu einer modernen, empirisch verfahren-den Sozialwissenschaft. Diese Neupositionierung äusserte sich später in der Umbenennung des Instituts in „Publizistisches Seminar”. 1977 erfolgte zudem die Ernennung von Ulrich Saxer zum Extraordinarius und 1983 dann zum Ordinarius.

Saxers „Forschungsmaschine” funktionierte wunderbar, abgesehen von einigen Konflikten wie beispielsweise beim gross angelegten Begleitforschungsprojekt zur Lokalradioversuchsphase RVO, wo wir „Forschungsameisen” uns einen kritischen Endbericht gewünscht hätten, Ulrich Saxer aber partout ein „Loblied” auf diese neuen Privatradios singen wollte… Gelöst haben wir das dann in Form von Einzelberichten aus der Hand der beteiligten Assistenten, und Ulrich Saxer „durfte” die empirischen Befunde gemäss seiner Perspektive in seinem eigenen Schlussbericht interpretieren.

Die Kombination von gegenstandsbezogener empirischer Medienforschung einerseits und theoretischer Einbettung in übergeordnete, abstraktere Systemzusammenhänge andererseits war typisch für die akademische Arbeit von Ulrich Saxer, welche sich nicht zuletzt in einer nie versiegenden Neugier für neue Themen äusserte wie beispielsweise die Wissenskluft (mit Heinz Bonfadelli), die Medienzukunft (Delphi-Studie mit Walter Hättenschwiler), die Mediengefühlskultur (mit Martina Märki), Radios in Entwicklungsländern (mit René Grossenbacher) oder Höhenflügen zur Chaos-Theorie und zum Konstruktivismus als wissenschaftlicher Meta-Perspektive, aber auch zur Warnung vor „medien-politi-schen Windmaschinen”, um nur einige Stichworte zu nennen.

Zum 60-sten Geburtstag von Ulrich Saxer haben wir, d.h. Werner A. Meier und ich zusammen mit seinen deutschen Kollegen, ihm dann eine Festschrift zum Thema „Krieg, Aids, Katastrophen. Gegenwartsprobleme als Herausforderung der Publizistikwissenschaft” (1993) verfasst. Damit wollten wir sowohl auf die thematische Breite des Denkens und Forschens von Ulrich Saxer als auch auf den gesellschaftlichen Bezug und den Problemlösungsbeitrag der Publizistikwissenschaft hinweisen. Ganz glücklich war er vermutlich mit dem Titel und dem Inhalt dieser aus heutiger Sicht viel zu „engagierten” Festschrift nicht.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.018


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896