Der Vorgänger und sein Nachfolger

Louis Bosshart

Abstract


Er war mir stets eine Länge voraus. Das war altersbedingt und für mich meistens von Vorteil. Das Ganze fing damit an, dass Ulrich Saxer externer Experte bei meiner Habilitation war. Auf seine Intervention hin flog ein ganzes Kapitel aus der Arbeit. Er war der dezidierten Meinung, dass es im Vergleich zu den anderen Kapiteln bar jeglichen Tiefgangs war. Es ging um ökonomische Aspekte der Fernsehunterhaltung. Jahrzehnte später ist dieser Aspekt mit viel Kompetenz von anderen behandelt worden.

Kurz nach der Habilitation durfte ich als neu „gebackener“ Privatdozent einen Lehrauftrag an der Universität Zürich wahrnehmen. Noch wenig erfahren, habe ich den Begriff Vorlesung wörtlich genommen, und wiewohl es um Unterhaltung ging, war das ganze Unternehmen stinklangweilig. Abzulesen war dies an einem Prozess, den Ueli Saxer „fortlaufenden Erfolg” nannte. Die Leute blieben einfach weg. Am Schluss waren es noch etwa sechs Unentwegte von vormals etwa vierzig Interessierten. Nichtsdestotrotz wurde mir eine zweite Chance gegeben. Als in Zürich die Zahl der Studierenden stieg, hat mich Saxer als seinen Nachfolger an der HSG in St. Gallen erfolgreich vorgeschlagen. Für die Vorlesung „Medienökonomie” hat er mir dann in weiser Voraussicht seine Unterlagen zur Verfügung gestellt. Man konnte ja nach den Erfahrungen in der Vergangenheit nicht wissen.

Etwas weniger positiv war der Auslöser für eine weitere Nachfolge. Saxer war der vielen Einwände satt, die ihm in der Abteilung Kommunikation der Schweizerischen UNESCO-Kommission entgegen gehalten wurden. Eine Stimme aus dem Hause SRG wusste zu jeder wissenschaftlich fundierten Aussage ein Gegenbeispiel aus dem Alltag. So trat ich ein weiteres Erbe an.

Saxer war Gründungsmitglied der SGKM und ihr erster Präsident. Dieses Amt hatte er 10 Jahre inne. Danach war eine Rotation angesagt. Im schweizerischen Sinne des Minoritätenschutzes sollte der Sessel des Präsidenten in die Westschweiz verschoben werden, und das Schicksal wollte es, dass man in der Deutschschweiz Freiburg zur Westschweiz zählt und ich kurz zuvor auf den neu geschaffenen Lehrstuhl für „Journalistik und Kommunikationswissenschaft” berufen worden war. Eine weitere Nachfolge war unumgänglich.

In meiner Rolle als Präsident der SGKM habe ich Ueli Saxer angefleht, er möge nach seiner Pensionierung und nach dem unerwarteten Tod von Mauro Wolf die Präsenz der Schweiz an der USI in Lugano sicherstellen. Er tat mir diesen Gefallen. Nach seinem Transfer von Lugano nach Wien hatte ich nochmals Gelegenheit, ihm zumindest teilweise und für kurze Zeit nachzufolgen, was ich auch sehr gerne tat.

Ganz anders hat sich die Situation in der Armee präsentiert. Wir waren beide in der Armeestabsgruppe 500, Presse-Rundfunk, eingeteilt. Auftrag dieser Einheit war es, subsidiär die Information der Zivilbevölkerung zu übernehmen, falls die zivilen Medien nicht mehr in der Lage gewesen wären, dies zu gewährleisten. Da haben dann der Fachoffizier Saxer und Major Bosshart aus der Tiefe des Gemütes psychologische Lagebeurteilungen erstellt. Die klärungsbedürftige Frage war einfach, wie sich die Zivilbevölkerung in spezifischen Krisen- oder Kriegssituationen fühlen würde. Einmal hat uns allerdings ein französisch sprechender Musikjournalist die Stimmung gehörig verdorben. Er hat mitten in eine virtuelle Mobilmachung das Leitmotiv aus dem Film „Il était une fois dans l’ouest” im Radioprogramm eingespielt, nicht wissend, dass dieses Stück in deutscher Sprache „Spiel mir das Lied vom Tod” heisst. Für eine Mobilmachung wahrlich ein Griff in die falsche Schublade. Nachdem wir uns wieder gefangen hatten, haben wir gemeinsam einen Artikel für die Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift geschrieben: „Zur Definition der Kommunikation in Krisen”. Das war im Jahr 1990.

Dieser Beitrag war aber nicht das Einzige, was uns verband. Wir teilten neben dem Interesse für die Medien- und Kommunikationswissenschaft (Unterhaltung inklusive) die Freude an klassischer Musik und den Sinn für träfen Appenzeller Witz. Diese Art von Humor hat Ueli Saxer in höchster Perfektion verkörpert.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.019


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896