Die Welt als Commedia umana

Christian Doelker

Abstract


Eine „eher anekdotische Würdigung” von Ueli Saxer sei gefragt, mailte mir Stephan Russ-Mohl, „jedenfalls keine Gesamtwürdigung der publizistischen und publizistikwissenschaftlichen Persönlichkeit”. Nun war ja Ueli, seit ich mich an ihn erinnern kann – also seit den 60-er Jahren – in heiterer, ja aufgeräumter Stimmung, wann immer wir uns trafen oder telefonierten. Jede der Begegnungen begann damit, dass wir uns gegenseitig die neusten Anekdoten erzählten. Und sie endeten, zusammenfassend, periodisch mit meinem Diktum: „Sag's wie Saxer”.

Aber Anekdoten über Ueli? Dass mir, auch bei längerem Nachdenken, keine in den Sinn kamen, hat mich eigentlich überrascht, ja verblüfft... Immerhin liegt mir daran, auf das vielleicht etwas zu wenig beachtete Spezialgebiet zu verweisen, das uns über die Jahrzehnte wissenschaftlich und freundschaftlich verband: die empirische Begründung der Medienpädagogik als einer disciplina sui generis, die wir in den 70-er Jahren in Zusammenarbeit mit dem Pädagogen Konrad Widmer (Universität Zürich) und den Medienpsychologinnen Hertha Sturm und Marianne Grewe-Partsch (damals Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen des Bayerischen Rundfunks, München) durchgeführt haben.

Nicht nur wegen seines publizistikwissenschaftlichen Parts in diesem Projekt engagierte sich Saxer für eine systematische Erschliessung dieses bildungspolitischen Neulands, sondern weil ihm die Professionalität der Medien auch in deren Rezeption durch ein mündiges Publikum am Herzen lag – und ihm entsprechend Dilettantismus und Einseitigkeit journalistischer Arbeit ein Ärgernis, ja ein Gräuel waren. Nicht umsonst stammt aus dieser Zeit der einzige kritisch-normativ anklingende Titel unter seinen Publikationen: „Fernsehen unter Anklage”. Hier ging es ihm um mehr als die Ätiologie der ersten Konzesssionsverletzung des Schweizer Fernsehens, es war auch persönliche staatsbürgerliche Besorgnis über die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz im Spiel.

So bot sich vielleicht Medienpädagogik für Ueli als ein neues und notwendiges Instrument der Medien-Monierung an, wobei kommoderweise damit für ihn alles die Medien betreffende Normative abgehakt war und er so seine Aktivitäten als Medienforscher wieder auf das für die Publizistikwissenschaft Statthafte, das Deskriptive und Analytische verlagern konnte.

Erklärt aber solche sich imperativ auferlegte „objektivierende” Distanz zu den Gegenständen der Forschung nicht gerade auch die Abwesenheit von Anekdoten in meiner Erinnerung? Hat sich Ueli diese Distanz auch für den beruflichen – und möglicherweise auch weitgehend persönlichen – Alltag eingeräumt, um seinerseits gegen Kritik und Attacken gewappnet zu sein, wie sie in den wilden 68-er und 80-er Jahren an der Tagesordnung waren?

Dass Ueli Saxer fast jedes Votum, auch im semi-öffentlichen Bereich, auf der Schreibmaschine vorformulierte, lässt sich wohl als eine generelle Reserviertheit gegenüber Spontaneität und damit als Schutzmassnahme deuten. Seine kategorische (und wahrlich anachronistische) Weigerung, eine E-Mailadresse zu führen, weist in ähnliche Richtung. Anekdoten gedeihen indes vornehmlich auf dem Humus der Spontaneität.

Dies steht nicht etwa im Widerspruch zu Uelis regem Interesse an Kolportage und Pointen. Die Welt in der durch Formalisierung einerseits abgeschwächten und anderseits überhöhenden Distanz der Anekdote zu erleben, bietet gleichzeitig Schutz und Erheiterung.

Und so hegte und pflegte Saxer die Anekdote durchwegs auch in seinen Vorträgen und Vorlesungen. Die Kunst der gewürzten Rede, wohlverstanden schriftlich vorbereitet, war für ihn so etwas wie ein Markenzeichen. Generationen von Studierenden und Hörern haben sie hoch geschätzt. Nicht nur als kleine rekreative Phase in anstrengenden Gedankengängen, sondern gelegentlich auch, weil die Anwesenden plötzlich wieder einmal einen Satz voll und ganz verstehen konnten – und dies mit einem Lacher dankbar und befreit aufatmend honorierten. Mehr als einmal hörte ich von Teilnehmern, vornehmlich an ausländischen Kongressen – und jetzt wird es wohl doch noch anekdotisch –, sie verstünden Saxer eigentlich nur ganz, wenn er eine Anekdote vortrug oder auf Englisch referierte.

Hieraus zu folgern, Saxer hätte die Welt bevorzugt aus anekdotischer Perspektive wahrgenommen, würde aber zu kurz greifen. Ihm ging es um eine umfassende und humanistische, sowohl eine wissenschaftliche wie philosophische Weltsicht. Vielleicht liesse sich – die Menschlichkeit des beobachtenden Wissenschafters einbeziehend – in säkularisierender Abwandlung von Dantes transzendental ausholendem Gestus sagen: Die Welt war für Ueli eine unendlich spannende, herausfordernde und auch anrührende Commedia umana.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.020


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896