Gedankengebäude hinter den Wortfassaden

Ursula Ganz-Blättler

Abstract


Ulrich Saxer war mein Lehrer. Ich habe bei ihm meine allererste Vorlesung an der Universität Zürich belegt. Mit dem Ergebnis einer grossen Verwirrung und Frustration. Ich verstand nämlich kein Wort. Nichts. Nada.

Meine erste Reaktion gegenüber dem Saxer'schen Unterrichtsstil war denn auch Unverständnis und Ablehnung. Falls dieser komplizierte Wissenschaftsspeak der normale Umgangston sein sollte im tertiären Bildungsbereich, dann war ich womöglich fehl am Platz. Zu meinem Unwillen trug bei, dass Saxer bei den Studierenden meiner Generation als konservativ und politisch „rechts” galt. Im Nachhinein frage ich mich ja, wie dieser Eindruck zustande kam. Vielleicht, weil Saxer ein guter Stratege war und mit dem damaligen (sehr umstrittenen) Zürcher Bildungsminister Gilgen auf freundschaftlichen Füssen stand. Was ja wiederum der jungen und um Wachstum wie um Mittel bemühten Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich zu Gute kam. Kurz: Saxer wusste, was er tat, und warum er mit Auskünften zu seinen ureigenen Ansichten und Überzeugungen haushälterisch umging – auch und gerade in den Medien.

Es hat Jahre – und meine ersten eigenen, studienbegleitenden Berufserfahrungen mit der schnelllebigen Welt des Tagesjournalismus – gebraucht, um zu verstehen, warum Saxer die Wissenschaftssprache im Unterricht vorzog. Sie war präzise und lavierte nicht um den heissen Brei herum. Sie war anschliessbar an grössere Theoriegebäude, etwa von Durkheim und Weber (den Vätern der Soziologie), von Parsons, Luhmann und Habermas. Und sie hielt tagesaktuellen Herausforderungen stand, indem sie diese „strange” machte und das eigentlich Merk-Würdige daran in grössere Zusammenhänge einbettete. Sie schaffte Distanz, mit anderen Worten. Und das war gut.

Ich weiss noch, wie ich während der Prüfungsvorbereitungen litt, weil ich um jeden Preis die Gedankengebäude hinter den Wortfassaden begreifen wollte. Dabei flossen auch ein paar Tränen der schmerzhaften Erkenntnis, weil ich beim Nachlesen so viel besser verstand, warum ich in bestimmten journalistischen Drucksituationen auf abgegriffene Floskeln und Routinewendungen zurückgegriffen hatte. Warum ich bei meinen ersten Schreibversuchen so unsicher war („Tausende werden meinen Text lesen”) und nach dem gefühlten zweihundertsten peinlichen Ausrutscher meinerseits nur noch die Achseln zuckte („Merkt ja eh‘ keiner”).

Jahre später bin ich ans Publizistikwissenschaftliche Seminar der Universität Zürich zurückgekehrt als Mitarbeiterin und Dozentin. Da habe ich Saxer als Chef kennen – und sehr rasch schätzen gelernt. Weil er die Menschen um sich herum für voll nahm. Weil er Ansprüche stellte, ohne arrogant zu wirken. Weil er alle an Forschung und Lehre Beteiligten genau gleich behandelte, ob es sich nun um Studierende, Tutoren, eingeladene Experten oder namhafte Koryphäen handelte. Deshalb auch die Anmassung, die Studierenden (ob alte Hasen oder erstsemestrige „rookies”) im Unterricht mit einer ausgewachsenen wissenschaftlichen Terminologie zu konfrontieren – weil er es uns schlicht zutraute, damit zurechtzukommen. Früher oder später.

Für mich wird Ulrich Saxer immer ein wichtiger Lehrer und Mentor bleiben. Unvergessen die Gratis-Unterrichtsstunde (bei einem Glas Bier im frühherbstlichen Zürich), als wir uns über „Form” und „Inhalt” unterhielten. Er empfahl mir, zur Unterscheidung der beiden nach seiner Ansicht schwammigen Begriffe das Instrumentarium der klassischen Semiotik (Zeichenlehre) beizuziehen. Aus dieser Sicht sei die „Form” eines Textes ein Problem der Syntax und sei in der Relation von Zeichen zu anderen Zeichen innerhalb eines gegebenen Systems zu betrachten. Er nahm damit gewissermassen die Diskussion um Formate vorweg. Der „Inhalt” desselben Textes sei hingegen mit Vorteil als Problem der Semantik (heisst: als bedeutungsgenerierende Zeichenrelation innerhalb eines gegebenen Kontext-Rahmens) zu betrachten. Das passte und leuchtete ein. Und überdies hat mir Saxer damals, ob mit Absicht oder nicht, den Weg zur Pragmatik gewiesen … und das heisst, zur notwendigen dritten Frage nach dem individuellen Zeichennutzer bzw. dem Leser (und vor allem: Interpreten) der vom Text transportierten Mitteilung ausserhalb eines als gegeben anzunehmenden Norm-Rahmens – bzw. innerhalb ganz unterschiedlicher sozialer Rahmungen. Das passte erst recht und hat mein Denken nachhaltig geprägt.

Ganz abgesehen davon hat mir Ulrich Saxer in seinem Beharren auf komplexen – und manchmal auch unbequemen – Erklärungsansätzen Niklas Luhmann als eine willkommene Alternative zu den akteurszentrierten Kommunikationsansätzen vermittelt und näher gebracht. Auch dafür bin ich ihm dankbar. Weil der Luhmann'sche Ansatz hilft, das Individuum als Faktum (als vorgegebene Kategorie) zu relativieren und dessen sozial relevante Aussenseite (die „Person”; eine wesentliche Konstruktionsleistung der Moderne) für allerlei spannende Anschlussoperationen sichtbar und nutzbar zu machen. Merci beaucoup!

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.021


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896