Der Afrikaforscher

René Grossenbacher

Abstract


In den 1970-er Jahren gaben unter den Studenten der Universität Zürich die späten 68-er den Ton an, und diese wollten einen deutschen Marxisten an der Spitze des damaligen Journalistischen Seminars sehen. Als stattdessen Ulrich Saxer zum Seminarleiter gewählt wurde, war Feuer im Dach. Unter diesen speziellen Umständen verschlug es mich als noch unbedarften Studiosus in eine seiner Vorlesungen. Aufgrund der Proteste erwartete ich einen konservativen, wenn nicht reaktionären Professor alter Schule. Stattdessen fand ich einen heiteren, undogmatischen, freien Geist, der jeglichen Ideologien, vor allem solchen, die in wissenschaftlichem Gewand daher kamen, mit grosser Skepsis begegnete. Dies, sein Witz, seine analytische Schärfe und seine umfassende humanistische Bildung beeindruckten mich ebenso wie die Offenheit und Neugier, mit denen er seinen Studierenden begegnete.

Für neue Ideen hatte er immer ein offenes Ohr – auch wenn sie auf den ersten Blick abwegig schienen. Und so kam es, dass Saxer einige Jahre später mein damaliges, wissenschaftlich eher abseits gelegenes Spezialgebiet „Medien in Entwicklungsländern“ zu einem neuen Forschungsschwerpunkt machte. Unser gemeinsames Projekt im westafrikanischen Benin zu Beginn der 80-er Jahre geriet denn auch für alle Beteiligten zu einem Schlüsselerlebnis. Aus wissenschaftlicher Sicht, weil es als wohl erste empirische Forschung überhaupt ein afrikanisches Mediensystem in seiner Gesamtheit untersuchte, um dessen Beitrag für die Entwicklungsprozesse zu ermessen.1

Dabei wurden auch einige Mythen der sogenannten Entwicklungskommunikation entlarvt. Manche in der Literatur kolportierten Erfolgsmeldungen zu Konzepten wie „Radio Clubs” oder „Presse villageoise” erwiesen sich als stark übertrieben, wenn nicht gar frei erfunden.2Stattdessen ergaben die Forschungen unseres Teams in ländlichen Kontexten einen weitgehend habitualisierten Umgang der Bevölkerung mit den Medien. Während die Printmedien einer Bildungselite vorbehalten waren und die ländliche Presse sich als nicht überlebensfähig erwies, wurde das in der Praktikerliteratur als besonders mächtiges Entwicklungsinstrument beschriebene Radio im ländlichen Benin kaum anders genutzt als bei uns: als eher beiläufig gehörtes Begleitmedium. Die Schlüsselerkenntnis aus dem Forschungsprojekt war, dass Kommunikationssysteme auch unter autoritären Bedingungen nur sehr schwer steuerbar sind. Anders formuliert: Auch wenn die Medien „richtig” eingesetzt werden, gelingt die Weltverbesserung nicht in jedem Fall.

Auch in persönlicher Hinsicht war das Forschungsprojekt in Benin für alle Teilnehmenden unvergesslich. Mit sieben Studierenden bauten wir unter schwierigen Bedingungen eine Projektorganisation auf, die sich über verschiedene Regionen des Landes erstreckte. Saxer besuchte uns im Februar 1983, um sich ein Bild über den Stand der Arbeiten zu machen – und offenbarte dabei ganz neue Facetten seiner Persönlichkeit. Unsere Studenten hatten eine Art Initiation für ihn vorgesehen, um seine Afrikatauglichkeit zu testen. Dazu gehörte der Verzehr von einheimischen Spezialitäten, auch von solchen, die nicht unbedingt jedermanns Sache sind. Aber unser „Grand Chef” stellte sich tapfer dieser Prüfung und wagte sich an Speisen, um die selbst die Mutigsten unter uns einen Bogen machten. Auch auf den ausgedehnten Reisen durch das Land, über staubige Pisten und löcherigen Asphalt, bewies er Zähigkeit und Ausdauer. Und bei Besuchen in den für die Feldforschung vorgesehenen Siedlungen beeindruckte er die Dorfältesten und Lokalgrössen mit humorigen Ansprachen und Standfestigkeit bei den anschliessenden Festivitäten.

Saxer war nicht nur der seriöse, stets die Formen wahrende Publizistikprofessor von der vornehmen Zürcher Goldküste, sondern auch ein lebensfroher Mensch, von sprühender Energie und voller Neugier auf Unbekanntes und Neues. Afrika bot ihm dafür das passende Terrain, wo sich wissenschaftliche Ambitionen und verborgene Abenteuerlust aufs Trefflichste verbinden liessen.

Neugier auf Unbekanntes und ebenfalls eine Spur Abenteuerlust dürften ihn auch dazu bewogen haben, das Präsidium der Publicom AG zu übernehmen und während 21 Jahren auszuüben. Das war für ihn eine Art Ausgleichssport zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit, den er aber mit grosser Begeisterung betrieb. Die Begegnung zwischen Medienpraxis bzw. angewandter Medienforschung und Medienwissenschaft empfand er als fruchtbaren Austausch. Umso mehr, als sich die Publicom anfänglich Consultingmandate der deutschen Medienentwicklungszusammenarbeit in Afrika sichern konnte. Obwohl das Geschäftsfeld „Entwicklungskommunikation” einige Jahre erfolgreich war, erfüllte sich seine Hoffnung auf ein Nachfolgeprojekt in Benin nicht. Umso grösser war Saxers Freude, als ihm die Firma zum 75. Geburtstag eine Reise nach Benin schenkte. Während einer Woche recherchierten wir die erstaunlichen Entwicklungen des Mediensystems in diesem Land, das sich seit unserer grossen Studie von einer autoritären Volksrepublik zu einer gut funktionierenden Demokratie gewandelt hatte.3 Saxer war erneut in seinem Element. Wir besuchten Radiostationen und Fernsehstudios, sprachen mit Rundfunkdirektoren, Journalisten, Ministerialbeamten und gemeinsamen Bekannten aus vergangenen Zeiten. Mit seinen 75 Jahren zeigte Saxer keinerlei Anzeichen von Müdigkeit. Noch Stunden vor dem Rückflug stöberte er einen Voodootempel auf und führte ein anregendes Gespräch mit dem Priester. Dass er als aufgeklärter Denker und Skeptiker kein Wort von den wunderlichen Dingen, die er zu hören bekam, glaubte, tat seiner Genugtuung keinen Abbruch: Auch den letzten Tag in Afrika hatte er in vollen Zügen genossen.


1 Saxer, Ulrich; Grossenbacher, René: Medien und Entwicklungsprozess, Köln, Wien 1987.

2 Grossenbacher, René: Kommunikation als Entwicklungshilfe – zwischen Wunsch und Wirklichkeit. In: Florian H Fleck, Ulrich Saxer, Matthias Steinmann: Massenmedien und Kommunikationswissenschaft in der Schweiz. Zürich 1987, S. 309-319.

3 Vgl. Grossenbacher, René; Saxer, Ulrich: Medienboom im Armenhaus; in: Neue Zürcher Zeitung, 2. März 2007.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.022


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896