Ausflug nach Ostwestfalen

Ingrid Hamm

Abstract


Besonders prägend war Ulrich Saxer für mich auf einem speziellen Medienterrain, der Leseforschung. Der überzeugte Soziologe hätte sie zwar vermutlich nicht ganz vorne in seine Prioritätenliste eingereiht, aber in Deutschland ist empirische Leseforschung ohne die Namen Langenbucher und Saxer und ohne das Allensbacher Institut für Demoskopie nicht denkbar.

Mir hat sich die Bedeutung des Lesens damals so tief eingeprägt, dass ich mehr als 20 Jahre nach dem Erscheinen der großen Studie „Kommunikationsverhalten & Medien - Lesen in der modernen Gesellschaft” auf Fragen zur Medienerziehung reflexartig mit Leseförderung antworte. Lesen ist der Schlüssel zu positiver Persönlichkeitsentwicklung in jedwedem Bereich, von gesellschaftlicher Teilhabe bis zu sportlichen Aktivitäten, von emotionaler Tiefe bis hin zu intellektueller Kompetenz. Zudem ist die gesellschaftliche Elite international unverwechselbar an ihrem Leseverhalten identifizierbar.

Als ich im November 1988 in die Bertelsmann Stiftung eintrat, war Ulrich Saxer längst da – und für die kommenden Jahre blieb er Mentor und Partner für die allermeisten Medienfragen. In den Schubladen der Stiftung schlummerte damals eine Forschungsruine. Die zweite große repräsentative Untersuchung zum Lese- und Medienverhalten der Deutschen war durchgeführt, die Rohdaten waren errechnet, aber weder analysiert noch interpretiert. Ohne Ulrich Saxer wäre dieses Forschungsvorhaben unvollendet geblieben. Er aktivierte seinen Freund und Kollegen Wolfgang Langenbucher sowie dessen kongeniale Mitarbeiterin Angela Fritz, und die Studie konnte nach vereinter Anstrengung 1989 veröffentlicht werden. Sie legte das Fundament für eine Dekade der Leseforschung und -förderung in der Bertelsmann Stiftung. Auch Kritiken und Eifersüchteleien der Stiftung Lesung oder interessierter Journalisten konnten der weiteren Arbeit nichts anhaben.

Ohne Zweifel waren die 90er Jahre die Ära der Medien. Niemals zuvor oder danach waren Medien, ihre Entwicklung, ihr Einfluss auf die Gesellschaft und ihre Wirkung auf die einzelnen Menschen – insbesondere auf Kinder und Jugendliche – so deutlich und so vielbeachtet wie zu dieser Zeit. Nur verständlich, dass die Stiftung des damaligen Global Players Bertelsmann diese Thematik und die damit verbundenen gesellschaftlichen Aufgaben im Zentrum ihrer Aktivitäten platzierte. Ulrich Saxer wurde zum spiritus rector dieses Stiftungsengagements. Er gab dem Tun der Bertelsmann Stiftung im Medienbereich nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die ethische Erdung – auch wenn er selbst dies nie so formuliert hätte.

Angesichts dieser wichtigen Funktion war es nur folgerichtig, dass Reinhard Mohn den Schweizer 1992 in den ersten Vorstand der Bertelsmann Stiftung berief, zu einer Zeit, in der die Stiftung massiv expandierte. 1985 bei seiner Berufung als Vorsitzender des Beirates „Medienerziehung und Medienforschung” zählte die Stiftung erst fünf Mitarbeiter. 1995, als er die Gütersloher Einrichtung verließ, kümmerten sich bereits weit über 100 Projektleiter und Assistenten um ein breites Portfolio von Politik, Staat, Verwaltung, Medien, Kultur und Gesundheit. Das Budget verdoppelte sich in dieser Zeit mehrfach.

Mit der Expansion und dem Bedeutungszuwachs der Medien in der Gesellschaft rückte der verantwortliche Umgang mit ihnen in den Fokus der Enthusiasten ebenso wie der Bedenkenträger. Visionäre erhofften sich eine neue Gesellschaft, getragen von den unbegrenzten Möglichkeiten, die die elektronischen Medien versprachen. Besorgte Pädagogen und Eltern bangten um eine Generation, die Alltag und Gesellschaft vornehmlich durch den Filter medialer Aufbereitung in Radio, Fernsehen und in den neuen Computerwelten konsumieren und verarbeiten würde.

Ulrich Saxer behandelte Medien als Instrumente zur Vereinfachung und Verbesserung der Kommunikation, und sein analytisch nüchterner Blick war unbezahlbar in diesen Zeiten rasanten Wachstums, angeführt von Atemlosigkeit, Spekulationen und Verunsicherungen. Reinhard Mohn, der Bertelsmann-Eigentümer und Stifter, hatte auch in dieser Personalentscheidung das richtige Gespür und die ihm eigene Weitsicht bewiesen und den rechten Mann zur richtigen Zeit berufen.

Vor allem der Auftritt des privaten Fernsehens provozierte viele Fragen. Wie konnten im freien Spiel der Kräfte Pluralismus und Verantwortung sichergestellt werden – auf einem Rundfunkmarkt also, welcher der unmittelbar öffentlichen Kontrolle entwachsen war? Es ging um nicht weniger als die Verfassung einer neuen und tragfähigen Rundfunkordnung in Deutschland.

Saxer hat diesen Diskurs gemeinsam mit der Stiftung konsequent international geführt, geleitet vom distanzierten Blick des Mediensoziologen. Das Tagespolitische war nie seine Sache, wohl aber die tiefer gehende Analyse der gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich in dieser Dynamik insbesondere in der Beziehung von Politik und Medien beobachten ließ. Und er verstand, dass in der Medienerziehung eine neue, umfassende gesellschaftliche Aufgabe erwuchs. Gleichermaßen revolutionär für Schule, Eltern und alle an der Entwicklung junger Menschen Beteiligten.

Saxer war sich gewiss, dass man die Verantwortungsbereitschaft auf Produzentenseite nur durch Rahmensetzung, Standards, und klare Zuständigkeiten sowie die Qualifikation der Medienschaffenden gewährleisten kann. „Wehe dem Beruf, der gute Menschen braucht!” war eine oft gehörte Warnung, die er gegen alle Bestrebungen aussprach, journalistische Ethik auf der persönlichen Ebene einfordern zu wollen. Wo es keine Regeln gibt, die Abweichungen sanktionieren, und keine professionellen Standards, die Abweichungen zur Ausnahme machen, hilft Moral wenig, so sein wissenschaftlich wohlfundiertes Credo.

Zugleich war er aber auch überzeugt, dass alle Rahmengebungen schlussendlich nur so gut sind wie die Medienkompetenz beim Publikum, das durch Nachfrage und Einschaltquoten Signale in die eine oder andere Richtung sendet. Aufreger der frühen 90er wie „Glücksrad”, „Heißer Stuhl” oder „Tutti-Frutti” wären gefloppt, hätte das Publikum diese Sendungen nicht so begierig eingeschaltet. Fernsehalltäglich galt das Mantra des RTL-Bosses Helmut Thoma, dass eben doch der Köder dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss.

Saxer betrat das medienpädagogische Neuland nicht alleine, sondern versicherte sich der Unterstützung und des Rates seiner Kollegen und Freunde Heinz Bonfadelli und Christian Dölker. Bei den schwierigen Fragen der Fernsehwirkung konnte er stets auf seine Beiratskollegin Hertha Sturm, Doyenne der Fernsehwirkungsforschung, zählen. International standen ihm Aimée Dorr, Dean der UCLA Graduate School of Education & Information Studies, sowie der amerikanische Medienpsychologe Dolf Zillmann zur Seite – und natürlich der legendäre Kommunikationsguru Elihu Katz.

Das wachsende Engagement der Bertelsmann Stiftung im Mediensektor kulminierte 1994 in der Vergabe des Carl Bertelsmann Preises an zwei Fernsehsender, die international vorbildlich Verantwortung praktizierten, Channel 4 in Großbritannien und TVW7 Perth in Australien (Abb. 1). In diesem Jahr wurde auch der Media Workshop in New York gegründet, eine medienpädagogische Einrichtung zur Arbeit mit Schulen, insbesondere Brennpunktschulen vor Ort.

Abb. 1. Hans Janke, ZDF-Programmchef, und Ulrich Saxer 1994 anlässlich der Verleihung des Carl Bertelsmann-Preises für Verantwortung im Fernsehen.

In diesem energiezehrenden Trubel muss in Saxer die Überzeugung gereift sein, dass er eine Entscheidung zu treffen habe über seine Rolle. Gütersloh wurde nicht nur geschäftiger, sondern auch politischer, die Stellungnahmen der inzwischen erwachsenen Stiftung zur Medienerziehung, Journalismus oder Internet wurden dezidierter. Damit wurde auch die klare Trennung der Stiftung gegenüber einem der mächtigsten Medienunternehmen der Welt zur nicht nur banalen Herausforderung. All dies war letztlich nicht eigentlich Saxers Sache. Auch der Dialog mit dem hocherfolgreichen Unternehmer und gesellschaftlichen Gestalter Reinhard Mohn erschien ihm gelegentlich mühsam. Der Wissenschaftler begann die Grautöne zu vermissen, die Schattierungen im Meinungsbild – und die Diskussion von Prämissen und Bedingungen, die anders gesetzt, auch andere Ergebnisse zulassen würden. Er fürchtete die Distanz zu verlieren, die der wissenschaftlich analytische Umgang mit der Realität zuließ, aber auch erforderte.

Der große Macher und der elegante Wissenschaftler agierten in verschiedenen Universen, die sich anzogen, sich oft berührten, aber gelegentlich auch abstießen. Als Saxer 1995 die Stiftung verließ, war dies eine klare Entscheidung für die Rückkehr in den universitären Kosmos.

Am Zenit der Kommunikationswissenschaften angelangt, sah Saxer in Franz Ronneberger noch immer seinen Lehrer und Meister, obwohl er ihn längst in puncto Strahlkraft eingeholt hatte. Die Bewunderung für ihn schuf ein weiteres Band zwischen uns, war Ronneberger doch mein Doktorvater, zu dem ich bis zu seinem Tod engen Kontakt hielt.

Was auch noch gesagt werden sollte: Ulrich Saxer verstand es – bei aller wissenschaftlichen Präzision und bei allem Fleiß – zu leben. In Zürich ging der Genussmensch jeden Mittag ins Restaurant, bestellte Wein und aß mit Musse im Kreis der Kollegen. Ein Haus am Zürichsee und eines im Tessin gaben dem Intellektuellen die Unabhängigkeit der Oberschicht. Seine Vielsprachigkeit verlieh ihm den Charme des Kosmopoliten. Alles gute Gründe, die gefühlte Enge einer pietistischen Enklave in Ostwestfalen zur rechten Zeit hinter sich zu lassen.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.023


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896