As Time Goes By

Gaetano Romano

Abstract


Er war der Grand Seigneur der schweizerischen Publizistikwissenschaft, sociologie des médias, sociologia dei media. Und ein väterlicher Freund. Über die ‚Heldentaten‘ eines ‚Gross-Ordinarius‘, wie er sich selbst in unverhohlen selbstbespöttelndem Tone zu beschreiben pflegte, war und wird weiterhin an vielen anderen Stellen zu lesen sein. Wie auch in seinem immensen Lebenswerk. An dieser Stelle steht ein Abschied in Worten nur persönlicher Erinnerung.

Er selbst nannte es, mit seinem ausnehmend lyrischen Sinn für das Vergehen der Zeit, eine ‚späte Freundschaft‘. Denn sie begann nach seiner Zürcher Emeritierung – die ja nichts weiter als der Start in seine neue ordinariale Laufbahn an der eben neu gegründeten Università della Svizzera italiana sein sollte. Und nach Emeritierung sah er mir in der Tat so gar nicht aus, als er in meinem Büro am Soziologischen Institut in Zürich in tatkräftig dezidiertem Tone mir seine Vorstellungen darüber erläuterte, wie er sich unsere Zusammenarbeit an besagter Universität vorstellte: Er sei der Ordinarius, ich der Assistenzprofessor – also sein Assistent. Wir würden die Vorlesungen gemeinsam bestreiten – denn sein Italienisch ginge über ein solides Küchenprogramm nicht hinaus. Und da die Vorlesungen auf Soziologie sowie Kommunikationssoziologie lauteten, dürfe ich dabei gewiss soziologische Perspektiven einbringen – aber bitte sachte, und im Übrigen solle ich doch einfach seine Zürcher Vorlesungen übersetzen. Um es nicht mit Shakespeare (den Ueli liebte), sondern mit den unvergessenen Worten Humphrey Bogarts zu sagen (mit popkulturellen Zitaten war Ueli leicht zu ärgern – denn von Populärkultur hielt er gar nichts): „Louie, I think this is the beginning of a beautiful friendship.”

Ein allzu sparsamer Umgang mit soziologischer Perspektive erwies sich als schwierig. Denn Publizistikwissenschaft liess sich angemessen nur als sociologia dei media übersetzen. Mit der Folge, dass er mir diesen jugendlichen Übermut sehr schnell verzieh, und irgendwann auch den Charme der Freiheit entdeckte, nicht mehr für die akademische Akkreditierung der Publizistikwissenschaft in der Schweiz verantwortlich sein zu müssen (Ulrich Saxer zuvorderst verdankt die Schweizer Publizistikwissenschaft ihre akademische Anerkennung als bei seinem Amtsantritt in Zürich noch sehr junger Disziplin). Im Spass (er konnte nie anders) und im Ernst (das war es ihm am Spass immer auch) beschloss er dann bei einem unserer unweigerlich stets ausschweifenden Luganeser Abendessen in „Rick's Café”, sich in Zukunft als Kommunikationssoziologen zu beschreiben. Gerne redete ich mir ein, ich hätte ihn zu diesem Bekehrungserlebnis gebracht.

Aber die Wahrheit ist eine andere. Bekehrt hat ihn sein unerschütterlicher Glaube, dass es die absolute Wahrheit nicht gibt. Er hiess sich gerne und oft einen überzeugten Agnostiker (nicht etwa Atheisten – das war ihm viel zu unpräzise). Und als solcher, als religiöser wie eben auch wissenschaftlicher Agnostiker, brachte ihn die Empörung ob einer eher beiläufigen Intervention des Dekans unserer Fakultät zur Solidarisierung mit der Soziologie: Formuliert als nur wenig verklausulierter Wink, wurde ihm nahegelegt, im Unterricht auf die Verwendung des Max Weberschen Textes zu ‚Kapitalistischem Geist und protestantischer Ethik‘ doch bitte eher zu verzichten – mit Blick wohl, so verstand Ueli dies, auf die Schonung der religiösen Gefühle eines Teils der Studierenden bzw. des Dekans.

Vielleicht war es ja ein Missverständnis, und der Dekan mochte nichts anderes als wissenschaftliche Kritik im Auge gehabt haben. Doch wie auch immer: nichts besser als diese von ihm oft und gerne neu erzählte Anekdote kann beschreiben, wie sehr Saxer ein Gesinnungstäter war: Wissenschaft war der Glaube, der ihn auch mal zu grösster Empörung antrieb, und so konnte auch nur Agnostizismus seine Lebenseinstellung sein.

Er war folglich auch ein grosser Fan des Diesseits (er hätte zwar wohl eher ‚überzeugter Anhänger‘ gesagt – das Modische war ihm immer suspekt, das Altmodische hingegen war ihm Ausdruck guten Stils). Dieses zu feiern, auch dies brachte er mir, neben vielem anderem (das dann aber eher in wissenschaftliche Kapitel gehörte), bei: Die Zeit, die ich mit ihm verbringen durfte, war erfüllt, wenn dann das Tageswerk vollbracht, von lebensdurstigen Ritualen – von gutem Essen, bestem Wein, herzlichem und manchmal auch listigem Lachen, denn innigst liebte er auch den Austausch von Kollegenklatsch. Nie habe ich mehr über Wissenschaftler gelernt als in diesen Zeiten. Es waren Riten der Lebensfreude – manchmal auch nur so einfache Freuden wie jene, die uns, bei jeder wöchentlichen Rückfahrt aus Lugano gen Zürich, dazu brachte, in der immer gleichen Beiz in Flüelen einzukehren, dort alle Varianten von Swiss Fondue durchzuprobieren, und dabei anerkennend eine Fonduevielfalt zu registrieren, die wohl nur Touristen bekannt sein dürfte. Sie reichte jedenfalls vier Jahre lang: bis sich unsere Lebenswege wieder trennten. Ich ging nach Luzern, er liess sich definitiv auf den Ruhestand ein – schreibend, sehr viel schreibend, denn dies nur war die Ruhe, die er akzeptieren wollte.

Die Freundschaft allerdings blieb. Mehrmals im Jahr, aber immer zumindest zur Feier seines Geburtstages, erneuerte sich gutes Essen, bester Wein, listiges Lachen zum neuesten Klatsch. Und jedes Mal wusste er auch von seinem neuesten Buch zu berichten, von Kongressen und Veranstaltungen, von der Freude, noch immer als akademischer Lehrer aktiv sein zu dürfen. Es hätte nie enden sollen.

Er, der Belesene, der Zitate liebte, liebte eines vor fast allen anderen. Er hätte diese Worte wohl auch als letzte passend gefunden, und vielleicht hat er sie, mit einem wie immer verschmitzten Lächeln auf dem Munde, auch gesprochen:

Life's but a walking shadow, a poor player,

That struts and frets his hour upon the stage,

And then is heard no more. It is a tale

Told by an idiot, full of sound and fury,

Signifying nothing.

Oft und gerne habe ich ihm widersprochen, wenn es um so skurrile Themen wie ‚Medien‘, ‚Kultur‘, ‚Kommunikation‘ ging. Und oft und gerne hat er mich dann väterlich ermahnt, die Dinge nicht immer so unnötig kompliziert anzugehen. Ich widerspreche nochmals, ein letztes Mal. Dieses sein Leben hatte Bedeutung. Sehr viel davon. Für die Wissenschaft. Für seine Freunde. Für mich. Für seine Familie.


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896