Der Grenzgänger

Stephan Russ-Mohl

Abstract


Ulrich Saxer war nicht nur der langjährige Ordinarius für Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich und der Doyen der Medienforschung in der Schweiz. Er war auch einer der Gründerväter der kommunikationswissenschaftlichen Fakultät an der Università della Svizzera italiana (USI) in Lugano – und somit einer jener Grenzgänger zwischen den Sprachräumen innerhalb der Schweiz, auf die dieses Land so dringend angewiesen ist, um den Zusammenhalt auseinander driftender Welten und Kulturen weiterhin zu gewährleisten. Aus Ueli Saxer wurde 1997, als er von Zürich temporär ins Tessin übersiedelte, sozusagen Ulrico Saxer.

Viele Studierende werden sich an seine Vorlesungen aus der Anfangsphase der USI erinnern. Mit dem Italienischen hatte er allerdings seine Schwierigkeiten – sowohl mit der Sprache als auch mit der Kultur. Was die Sprachprobleme anlangt, hat ihn sein Assistent Gaetano Romano unterstützt, der ihn über seine Luganeser Jahre hinweg in seinen Vorlesungen begleitete und meist neben ihm sass. Wenn nötig, half er ihm, Textpassagen zu übersetzen, oder er flüsterte ihm fehlende Vokabeln ein.

Aber auch in puncto kulturelle Differenzen waren Konflikte programmiert. Saxer war im Laufe seines Forscherlebens mehr und mehr von der angelsächsischen Tradition empirischer Sozialforschung geprägt worden. Um sie voranzubringen, hatte er nicht nur in Zürich, sondern zeitweise auch im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung segensreich gewirkt. An der USI war man zum Zeitpunkt seines Engagements noch nicht so weit. Konflikte gab es aber wohl auch, weil er es jahrzehntelang gewohnt gewesen war, an seinem Institut in Zürich als umsichtiger Alleinherrscher zu agieren, während er in Lugano auf einen nicht minder machtbewussten italienischen Gründungsdekan stiess. Nach Saxers Fortgang wurde erst einmal sein Institut aufgelöst – und dann hat es einige Jahre gedauert, bis die Universität im Bereich empirischer Kommunikationsforschung wieder den Anschluss an die Entwicklungen nördlich der Alpen fand.

Saxer war fraglos ein Vordenker, und er war gut vernetzt. Bei ihm liefen viele Fäden zusammen. Auch in Deutschland war er über viele Jahre hinweg ein begehrter Gutachter – übrigens auch in jener Berufungskommission, die mir 1985 an der Freien Universität Berlin zu meinem ersten Lehrstuhl verhalf.

Seine Texte waren allerdings schwierig, um nicht zu sagen sperrig – für Medienpraktiker, die nicht in der wissenschaftlichen Fachdiskussion zu Hause waren, erschlossen sie sich selten. Im Jahr 2000 habe ich ziemlich frech und gnadenlos einen Beitrag, den er für einen Band zur Qualitätssicherung im Journalismus geschrieben hatte, redigiert: Die Publikation, von der Daimler Benz Stiftung finanziert und vom F.A.Z.-Institut herausgegeben, sollte für Journalisten und Medienmanager verständlich sein. Saxers Text war das nicht, aber er hatte fraglos wissenschaftliche Substanz. So opferte ich eine kostbare Woche eines Sabbaticals in Stanford, um sein Manuskript umzuschreiben – wohl wissend, dass ich damit ein Sakrileg beging, weil es sich einfach nicht gehörte, dass ein jüngerer Wissenschaftler den Text einer älteren Koryphäe Satz für Satz unter die Lupe nahm.

Ich erwartete eher ein Donnerwetter als freundliche Zustimmung – aber Saxer hatte zu meiner Überraschung die Grösse, meine Korrekturen zu akzeptieren, ohne mit der Wimper zu zucken. Der Beitrag ist heute lesenswerter denn je – denn gerade in den letzten zwei Jahren häuften sich im Diskurs um journalistische Qualität die Missverständnisse zwischen Medienforschern und Medienpraktikern in der Schweiz. So bezog zum Beispiel Kurt Imhof mit seinem Versuch, mit Hilfe eines Jahrbuchs systematisch und wissenschaftlich zu beobachten, wie sich der Journalismus und die Medien entwickeln, von Verlegern und Journalisten Prügel. Bereits zehn Jahre zuvor hatte Saxer „vor allem größere gegenseitige Offenheit der Angehörigen des Medien- und des Wissenschaftssystems” gefordert, „um den publizistikwissenschaftlichen Beitrag zum Diskurs und zur Sicherung von Journalismusqualität wirksamer umzusetzen”. Er verwies auf „komplementäre Leistungspotentiale” des Journalismus und der Journalismusforschung, sah aber auch bereits vorher, dass „viele Repräsentanten der journalistischen Berufskultur Erkenntnisresistenz demonstrieren”. Sie würden sich gegen „wissenschaftliche Einsichten sperren, die – angeblich bewährte – Berufsnormen und -praktiken in Frage stellen”.

Seither habe ich mich Saxer, der mich zunächst als Dozent mit einem Lehrauftrag ins Tessin gelockt hatte und auf dessen umgewidmeten Lehrstuhl ich 2001 berufen wurde, freundschaftlich verbunden gefühlt. Dazu hat so mancher Prosecco beigetragen, den wir uns an der Bar im ersten Stock des Centro Civico, des Hauptgebäudes der USI, gemeinsam als Apéro gegönnt haben. Ohne Saxer wäre ich nicht an die Università della Svizzera italiana gekommen, ohne ihn gäbe es somit mein zweites Lebenswerk nicht, das European Journalism Observatory.

Mit Saxers Tod und mit seinem opus magnum, das er noch abschliessen konnte, endet eine Ära. Als er sein Wirken in der Kommunikationswissenschaft begann, war diese noch ein Orchideenfach: klein und überschaubar. Heute franst es in alle Himmelsrichtungen aus und ist geprägt von Unübersichtlichkeit und Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Und auch die Buchproduktion ändert sich rasant: Keinem seiner Nachfolger wird es vergönnt sein, eine Zusammenschau des eigenen wissenschaftlichen Wirkens in einem solch wuchtigen und überlangen Werk zu hinterlassen wie Ulrich Saxer: Seine „Mediengesellschaft” umfasst 968 Seiten.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.028


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

Refbacks

  • There are currently no refbacks.


Copyright (c) 2013 Published by Elsevier GmbH

Creative Commons License
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-NonCommercial-NoDerivatives 4.0 International License.

Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896