Das opus magnum

Wolfgang R. Langenbucher

Abstract


Während seiner Spitalsaufenthalte und dann der Mühen der Rehabilitation sprachen wir in gebührenden Abständen miteinander. Unser letztes Telefongespräch hinterließ den allererfreulichsten Eindruck; Ulrich Saxers gesundheitliche Zustandsbeschreibung klang zwar nicht wirklich euphorisch, aber seine Zufriedenheit über den Abschluss des „großen” Werkes war ungetrübt, ja geradezu von einem für ihn ganz und gar untypischen Stolz getönt.

Im Januar 2011 hatte er die „Feingestaltung” angekündigt; auch der endgültige Titel lag nun fest. Er war gerade mit dem Anfertigen der Register beschäftigt: auf meine ungläubige Rückfrage ließ er keinen Zweifel, dass er das nicht anderen überlassen könne. Aber dann beherrschte jene Kunst der Ironie, die der gelernte Bariton bühnenreif beherrschte, das Telefonat: „Nun haben Sie (übrigens: wir waren beide keine undifferenzierten Schnellduzer; und irgendwann verpasst man das Du dann, weil es zu spät ist!) die Bescherung! Wenn einer, dann müssen Sie mein Elaborat lesen und rezensieren, denn Sie sind schuld daran, dass ich diesen Marathonlauf angefangen habe. Immer Ihr „makro, makro” und der Appell an meine Pflicht als Systematiker! Jetzt haben Sie den Salat!” In einem Brief hat er das einmal meinen „Marschbefehl” genannt, „endlich keine Aufsätze (Stichwort, Ansatzismus‘), sondern Werke zu produzieren”.

Wenige Tage später kam – nach diesen munteren Reden – völlig überraschend die schockierende Todesnachricht und einige Wochen später dann das Buch, besser: der Band. In Format und Umfang sprengt Ulrich Saxer alles, was in den letzten Jahrzehnten in unserem Fach erschienen ist; vergleichsweise fallen einem nur die sieben Bände von „Die unerkannte Kulturmacht” Otto Groths (1865 – 1875) ein – und mir, dass ich einst als junger Mensch und Assistent Monate damit verbracht habe, diese zu rezensieren. Woher und dass ich damals die Zeit dazu hatte, ist mir nicht mehr vorstellbar, aber als Emeritus freue ich mich nun auf ein intellektuelles Langerlebnis, das ich und wir alle den vielen Jahren seiner Lebenszeit (im schon zitierten Brief: „Seit 12 Jahren schultere ich diesen Tornister”) verdanken, in denen Ulrich Saxer immer wieder und mit einer schlechthin bewundernswerten Intensität an seiner „Mediengesellschaft” gearbeitet hat.

Wenn man ihn darauf ansprach, spielte er das – wie immer: gekonnt ironisch – herunter, als sei das nichts, sondern sozusagen der Normalfall. Ich darf daran nochmals erinnern: Café Landtmann in Wien, vielleicht im Jahre 2000; eine kleine Runde von Kollegen hat sich zum Lunch getroffen, die üblichen kollegialen Gespräche und dann die Frage an den großen Meister, wie denn so sein Tageslauf sei. Er berichtet ganz ernsthaft von den selbstauferlegten strengen Strukturen seiner „Eigenzeit” als Emeritus; wunderbar dann die Antwort auf die erstaunte bis entsetzte Frage eines Kollegen, wie er es denn schaffe, so viele Stunden zu schreiben: „Schreiben ist doch das einzige, was ich gelernt habe!” Befreites Gelächter der Runde – freudig gestärkt im erwartungsvollen Bewusstsein, dass es demnächst vom ihm wieder Pflichtlektüre geben würde.

Dass das nun postum tatsächlich der Fall ist, dafür bin ich dem Kollegen und Freund über alle Maßen dankbar. Ulrich Saxer war unser bester Kopf. Den Generationen nach ihm setzt sein Werk und sein wissenschaftliches Ethos Maßstäbe. Seine vielen Wochen und Monate als Professor honoris causae in Wien brachten neben allem wissenschaftlichen Ernst, dem Generationen von Studentinnen und Studenten ebenso wie wir Kollegen jedes Semester erwartungsvoll entgegensahen, auch dieses: Kultur, Kunst, Genüsse und Spaß. Was bleibt, ist sein Werk, sein epochaler Beitrag zum wissenschaftlichen Verstehen von Medien und Gesellschaft.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.030


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896