Ein Leben neben der Wissenschaft

Marie Luise Kiefer

Abstract


Wer in seiner Erinnerung an Ulrich Saxer dessen facettenreiche Persönlichkeit näher kennenlernen möchte, der sollte seine Gedichte lesen. Dort ist alles zu finden, was diesen ungewöhnlichen Menschen auszeichnete: Phantasie, Sprachmächtigkeit, Bilderreichtum und die Fähigkeit zur Verdichtung, umfassende Bildung, Humor, Witz, Ironie aber auch tiefe Skepsis, Extrovertiertheit und Schonungslosigkeit, Fleiß und Perfektionismus, Hingabe an die Kunst und Liebe zu seinem Heimatland Schweiz.

Dass er eine Sammlung seiner Gedichte veröffentlichte, zeugt von Courage und Selbstbewusstsein, dass diese Sammlung so schmal ausfiel, von Selbstkritik und hohem ästhetischen Anspruch.

Ulrich Saxer hatte immer einen „Stift” (Bleistift, Kugelschreiber, Buntstifte) und ein paar Blatt sorgfältig gefaltetes weißes Papier bei sich, um Gedanken und Einfälle zu seinen zwei Leben jederzeit notieren und durch Farbgebung markieren zu können: Zeilen eines neuen Gedichts/Verbesserungen eines schon geschriebenen und/oder Einfälle/Erkenntnisse zu wissenschaftlichen Fragen, die ihn gerade beschäftigten. Er notierte überall und jederzeit, im Café, in der Bahn, während eines Gesprächs oder Ausstellungsbesuchs, selbst im Theater oder Konzert, und Zettel lagen, wie er erzählte, immer neben dem Bett, damit nächtliche Einfälle nicht verloren gingen. Wer je das Vergnügen hatte, Ulrich Saxers Arbeitszimmer zu betreten, der hat eine Vorstellung davon bekommen, wie hart und intensiv dort gearbeitet wurde.

Kunst und Kultur sowie Wissenschaft, das waren die zwei Zentren seines Lebens, wobei stets unklar blieb, welches von beiden die Rolle des Primus innehatte. In seinen jungen Jahren dominierte in diesem Interessensspektrum wohl eher die Kunst, worauf seine Ausbildung zum Sänger/Bariton oder seine (kongeniale) Übersetzung von James Joyce' frühen Gedichten „Chamber Music” verweisen. Später okkupierte die Wissenschaft den breiteren Raum, ohne die aktive Kunstausübung ganz zu vertreiben. Zu beiden Zentren hat er persönliche Bilanzen vorgelegt: den 2001 veröffentlichten Gedichtsband „Lyrische Gelage” als Zwischenbilanz seines künstlerisch-poetischen Lebens; sein Opus magnum „Mediengesellschaft”, soeben erschienen, wurde zur Endbilanz seines wissenschaftlichen Lebens. In beiden steckt unendliche Arbeit und Anstrengung, die ‚Sache’ - oder die Vorstellung von Ulrich Saxer davon - in den Griff zu bekommen, in eine Form zu gießen, die den eigenen Ansprüchen genügte. Beide zeugen von Eigenschaften, die ihn neben allen Talenten und Fähigkeiten vor allem auszeichneten: Ehrgeiz und sehr hohe Ansprüche an sich selbst sowie Zähigkeit und Fleiß, um diesen gerecht zu werden. So hatte er die musikalische Karriere als Sänger ja nicht etwa schlechter Kritiken wegen beendet. Im Gegenteil - als ihm die Kritiken in den letzten Wochen des Umräumens wieder in die Hände fielen, war er von deren positiven Einschätzungen und Bewertungen rückblickend selbst überrascht. Aufgegeben hatte er offenbar, weil selbst gesteckte Ziele nicht erreichbar erschienen, auch wenn die Kritik das anders sah.

Man kann erahnen, wenn man seine Gedichte liest, wie reich, phantasievoll, traum- und mitunter auch alptraumhaft sein Leben neben der Wissenschaft war, das autobiographisch in seine Gedichte ja einfloss. Er war sich nicht sicher, ob nach Vollendung der „Mediengesellschaft” als Summe seines diesbezüglichen Wissens ihn die Kommunikations- und Medienwissenschaft noch interessieren und beschäftigen würde. Fest stand hingegen, dass er weiterhin Gedichte schreiben wollte. Es ist traurig, dass ihm dieses nicht mehr vergönnt war – traurig auch, weil Gedichte ähnlich dem hier wiedergegebenen oder auch ganz andere nicht mehr entstehen werden.


Letzte Hoffnung

Wind: – Kein Kamin fällt. Durch nichts
zu erschüttern die Dickhäuter, die Häuser.
Nie hockt auf den Straßen verstockter das Pflaster
Der Wolkenschaum eingetrocknet zu Gips.

Einzig
am Draht auf einer Himmelfahrtszinne
die vergessene Hose
strampelt begeistert.

 

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.031


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896