Der Krieg aus psychoanalytischer Sicht
DOI:
https://doi.org/10.24445/conexus.2026.07.004Abstract
Im vorliegenden Aufsatz werden zentrale Texte Sigmund Freuds zum Thema Krieg untersucht. Im Mittelpunkt stehen zunächst die beiden Essays «Die Enttäuschung des Krieges» und «Unser Verhältnis zum Tod», die 1915 unter dem Titel Zeitgemässes über Krieg und Tod erschienen. Im ersten Essay beschreibt Freud den durch den Krieg ausgelösten Bruch der Zivilisation und die Zerstörung der fortschrittsoptimistischen Illusionen der Moderne; im zweiten analysiert er die psychischen Auswirkungen der allgegenwärtigen Konfrontation mit dem Tod auf den Kulturmenschen. Anschliessend wird das fünfte Kapitel von Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) untersucht, in dem Freud Kirche und Heer als «künstliche Massen» charakterisiert. Er zeigt, dass der Zusammenhalt solcher Massen weniger durch äussere Organisation als vielmehr durch innere psychodynamische Prozesse gewährleistet wird: Die Mitglieder identifizieren sich miteinander, weil sie in gleicher Weise libidinös an eine Führerfigur gebunden sind. Der letzte Abschnitt ist Freuds Antwort auf einen Brief Albert Einsteins gewidmet, die 1933 unter dem Titel Warum Krieg? veröffentlicht wurde. Darin führt Freud den Krieg auf den Aggressions- und Todestrieb zurück, der neben dem Lebenstrieb im Menschen wirksam ist. Zwar hält er eine vollständige Überwindung des Krieges für unwahrscheinlich, sieht jedoch in der bindenden Kraft des Eros sowie in Bildung, Rechtsinstitutionen und kultureller Entwicklung Möglichkeiten, Gewalt zumindest zu begrenzen.
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