Platons sogenannte ‹edle Lüge› – Propaganda oder wahre Dichtung?
DOI:
https://doi.org/10.24445/conexus.2025.08.007Abstract
Platon scheint in der Politeia den Dichtern das Dichten zu verbieten, den Herrschern aber ‹edle Lügen› zu erlauben. Der ‹phönizische› Mythos der Erdgeborenen und der Metalle gilt als Musterbeispiel einer solchen Lüge. Aus diesen Gründen wird Platon seit den 1930er Jahren vorgeworfen, totalitäre Propaganda zu befürworten und sie in seinem Idealstaat zur Beherrschung der ‹Masse› auch selbst vorzusehen. Die gegen Platon gerichteten Bücher von Richard Crossman und Karl Popper waren diesbezüglich besonders einflussreich.
Im Beitrag wird erstens nachgewiesen, dass der fragliche Mythos keine ‹edle Lüge› ist, sondern ein ‹edles Beispiel› einer Gattung politischer ψευδή, die nicht notwendig Lügen sein müssen. Zweitens wird nachgewiesen, dass sich der Propagandavorwurf gegen Platon auch sonst nicht halten lässt.
Aufgrund der Untersuchung einer spezifisch platonischen Auslegung des wohlverstandenen ψεῦδος und im Blick auf die ontologisch fundierte, eikonisch-mimetische Poetik der Politeia wird dargelegt, auf welcher Grundlage der Mythos ‹wahr› ist: Er befindet sich an der Schnittstelle der Möglichkeit eines ‹wahren Pseudos› und der Wahrheitsmöglichkeit von Dichtung überhaupt. Dieser wahre Mythos ist ‹edel›, γενναῖος, weil er dank seiner ‹edlen› Abstammung ‹das Gute› in altehrwürdigen Bildern eikonisch-mimetisch entfaltet.
Dieser Befund wird von einem bei Crossman und Popper virulenten, zeitgleichen Verständnis von Propaganda abgegrenzt. Dadurch wird ihr Propagandavorwurf endgültig widerlegt.
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