Political Correctness

Kurt Imhof

Abstract


Ulrich Saxer verpasste keine einzige Gelegenheit, um mich bezüglich der feinen Unterschiede zwischen privaten und öffentlichen Rollen zu necken. Kraft seiner Anciennität und seines Status erlaubte er sich regelmäßig, mich platt als „Linken” mit „zutiefst bürgerlichen Untugenden” zu charakterisieren. Weder seine Vorstellung meines Umgangs mit dem anderen Geschlecht, noch meine bürgerlichen Süchte und auch nicht meine Umgangssprache erschienen ihm – gemessen an den internen Maßstäben meines politischen Herkunftskontexts – politisch korrekt. Genau das verschaffte mir Punkte bei ihm, denn Political Correctness verlängerte für ihn das öffentlich angemessene Verhalten auf lusttötende Weise ins Private.

In seinem bürgerlichen Weltbild war ihm die Unterscheidung zwischen einer Vorderbühne des Lebens und verschiedenen Hinterbühnen wesentliches Moment individueller Freiheit, mehr noch: Ausdruck von Persönlichkeit. Sein Bestehen auf Vorhängen zwischen Vor- und Hinterbühnen und seine Überzeugung meiner diesbezüglichen Bürgerlichkeit prägte über die Jahre ein vertrauensvolles Verhältnis, das immer mehr von der wechselseitigen Imagination abweichenden Verhaltens hinter diesen Vorhängen lebte. Er wie ich unterschoben uns, dass die häufigen Wienreisen oder der gängige Konferenztourismus neben der Wissenschaft auch schöneren Seiten des Lebens dienten, wir ertappten uns dann und wann bei bürgerlichem Suchtverhalten und verwickelten uns dabei in erquickliche Diskussionen über das Wahre, das Gute und das Schöne. Vor allem jedoch darüber, unter welchen Umständen es zweckmäßigerweise gelte, das letzte Element dieser Dreifaltigkeit abzutrennen, um am guten Leben zumindest schnuppern zu können.

Ulrich Saxer wusste viel über das Wahre – seine Leidenschaft für die Wissenschaft verschaffte ihm dies –, er verstand auch einiges über das Gute, in seinem Sinne einer primär marktwirtschaftlich geprägten sozialen Ordnung, er ließ sich aber auch in das Schöne verstricken und beschränkte dies nicht auf den Kunstgenuss. Auch wenn er diese Charakterisierung aus der Lebenswelt der Political Correctness zutiefst gehasst hätte: Er war mir wahrlich ein ganzheitlicher Lehrer.

https://doi.org/10.1016/j.scoms.2013.04.024


Keywords


Saxer; Nachruf; Obituary; Kommunikationswissenschaft

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Studies in Communication Sciences | ISSN: 1424-4896